Elektromobilität in der Schweiz: Mehr Chancen als Risiken

Elektromobilität bleibt aktuell: Am 21. Januar 2013 wurde vom Zentrum für Technologiefolgenabschätzung eine viel beachtete Studie zu den Chancen und Risiken der Elektromobilität in der Schweiz veröffentlicht. Am 29. und 30. Januar 2013 organisierte die Mobilitätsakademie im Verkehrshaus Luzern den 4. Kongress des 4. „Schweizer Forum Elektromobilität“. CONNECT hat für Sie bei Dr. Manfred Josef Pauli, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Mobilitätsakademie und zuständig für das nationale Kompetenzzentrum „Schweizer Forum Elektromobilität“, nachgefragt und bringt Sie auf den neusten Stand der Elektromobilität in der Schweiz:

Herr Pauli, können Sie in ein paar Sätzen zusammenfassen, worum es bei der TA-Swiss-Studie geht und welche Hauptaussagen sie beinhaltet?

Die Studie versucht, möglichst viele Aspekte rund um das Thema Elektromobilität, speziell im Hinblick auf Elektroautos, zu beleuchten. Von den Umweltauswirkungen bis zu den Potenzialen der Automobilindustrie solche Autos zu bauen, werden die wichtigen Fragen gestellt und beantwortet. Auch wenn einiges kritischer betrachtet wird, als wir das im „Schweizer Forum Elektromobilität“ tun, so kommt die Studie doch zu der Aussage, dass 2035 ebenso viele Elektrofahrzeuge verkauft werden, wie solche mit Verbrennungsmotor.

Wie würden Sie die Studie im Hinblick auf die Debatte rund um die Elektromobilität insgesamt einordnen? Gibt es Ergebnisse, die Sie überraschen?

Diese Studie ist vor allem eine Metastudie, sie gibt einen Überblick über verschiedene derzeit diskutierte Meinungen zur Elektromobilität. Bei den Schlussfolgerungen gibt es dadurch einige Überraschungen:

  • Elektroautos können dank dem Schweizer Strom-Mix sehr CO2-arm fahren, auch wenn, wie die EMPA 2010 ermittelte, durch die Batterie diesbezüglich ein Aufschlag von 15% hinzugerechnet werden muss. Warum aber immer wieder gesagt wird, dass bei einer Fahrt mit Braunkohlestrom mehr CO2 auf den Kilometer kommt, als bei einem Elektroauto, überrascht. Allzumal hier das Verbrennungsauto die Produktionskette des fossilen Treibstoffs nicht angerechnet bekommt, das Elektroauto aber die Batterieproduktion.
  • Die Nachfrage nach den seltenen Erden und Metallen zur Produktion von Elektroautos wird als problematisch angesehen. Es wird aber nicht erwähnt, dass die Forschung daran arbeitet, diese für die Elektromobilität überflüssig zu machen. Dies hätte erhebliche positive Einflüsse auf die Umweltbilanz, wie sie hier aufgestellt wird. Es überrascht, dass solche förderlichen Aspekte in der Studie nicht berücksichtigt werden.
  • Road Pricing in einen Zusammenhang mit den Chancen und Risiken der Elektromobilität zu stellen, wie es die Studie macht, ist, gelinde gesagt, fragwürdig. Was haben der elektrische Antriebsstrang und seine hohe Effizienz mit der Finanzierung unserer öffentlichen Infrastruktur zu tun? Ja, Elektromobile zahlen keine Mineralölsteuer, das macht aber der Velofahrer auch nicht. Ist demnach Velofahren ein finanzielles Risiko für den Staat? Ich hätte mir gewünscht, dass diese Verquickung zweier Themen, die nicht verquickt werden müssen, unterblieben, oder aber zumindest weniger prominent diskutiert worden wäre.

Was bedeutet diese Studie für die Zukunft der Elektromobilität? Welche weiteren Schritte lassen sich daraus für die Akteure dieser Branche ableiten?

Ich erkenne, bei aller Kritik, die Studie als Ermutigung und als Basis an, die Diskussion rund um Elektromobilität zu versachlichen. Die allmähliche Marktdurchdringung der Elektrofahrzeuge wird nicht mehr bestritten und bei der Umweltbilanzierung werden plumpe Fehlberechnungen zuungunsten der Elektrofahrzeuge vermieden. Und in der Tat lassen sich Schritte ableiten: der Trend dahin, dass Elektrofahrzeuge kleiner, leichter und agiler werden müssen, um einen eigenständigen Platz im Mobilitätsbereich zu erhalten. Damit kann die Debatte, dass Elektrofahrzeuge lediglich das bisherige Auto in Strom sein sollen, beendet werden.

Die Studie fordert ausserdem, dass wir uns noch stärker um neue Mobilitätsdienstleistungen bemühen, wobei Elektromobilität ein hilfreiches Instrument sein kann. Kleine, agile Fahrzeuge und E-Bikes gekoppelt mit einem gut ausgebauten, effizienten, elektrischen öffentlichen Verkehrsnetz könnten insbesondere dabei helfen, Strassenüberlastungen zu vermeiden.

Insgesamt kann die Studie als Aufforderung aufgefasst werden, dafür zu sorgen, dass wir – auch über Elektroautos hinaus – mehr Potenziale regenerativer Energien nutzen und damit möglichen fossilen Zwischenlösungen, wie sie noch in der Energiestrategie 2050 enthalten sind, entgehen können.

Die mediale Aufmerksamkeit für diese Studie war gross. Wie erklären Sie sich dies und was sagen Sie zum Grundtenor der Berichterstattung?

Die mediale Berichterstattung hat sich nur zum Teil um die Chancen und Risiken der Elektromobilität gekümmert, sondern sich stärker auf das Road Pricing fokussiert. Dieses Thema wird sicherlich noch zu einigen Kontroversen führen, hat aber auf die Entwicklung der Elektromobilität nur wenig Einfluss. Das Thema Elektromobilität insgesamt interessiert die Menschen aufgrund seiner Nachhaltigkeit und Effizienz, verunsichert zurzeit aber auch. Denn die Verkaufszahlen der Elektroautos steigen zwar markant, in absoluten Zahlen wirken sie aber mit z.B. 1413 reinen batterieelektrischen Fahrzeugen in der Schweiz auf viele noch wenig eindrucksvoll. Auch die Medien sind sich im Moment nicht einig, wie sie diese Zahlen interpretieren sollen. Nach anfangs eher euphorischen Berichten wird die Elektromobilität derzeit eher kritisch kommentiert. Diese kritische Haltung erklärt zum Teil die grosse Aufmerksamkeit an der Studie.

Im Jahr 2013 kommen nun aber alle namhaften Automobilhersteller mit E-Fahrzeugen auf den Markt, was eine deutliche Belebung der Debatte und der Verkaufszahlen mit sich bringen wird. Es ist zu hoffen, dass dann auch das in manchen Medien betriebene Elektro-Bashing ein Ende nimmt und wieder vermehrt die Probleme der endlichen fossilen Restreserven, die nur noch mit immer mehr Energie und Geld bei gleichzeitiger brutaler Umweltverwüstung gefördert werden können, ins Zentrum der öffentlichen Debatte rücken.

Welche Schlussfolgerungen zieht das „Schweizer Forum Elektromobilität“ aus der Studie?

Wir werden die Studie sicherlich im Rahmen unserer Arbeit und Forschung entsprechend würdigen und uns auch ihren Aussagen da anschliessen, wo die Schlussfolgerungen plausibel sind. Ansonsten arbeiten wir gerade an einem Monitoring des elektromobilen Marktes und der Kundenerwartungen. Dort versuchen wir herauszufinden, was die Kunden an Elektromobilität fasziniert und was für sie noch nicht ausreichend ausgereift erscheint. Wir werden sehen, ob die TA-Swiss-Studie diesbezüglich Einfluss auf die Wahrnehmung der Schweizerinnen und Schweizer hat. Es besteht immer die Gefahr, dass durch das Hervorheben der negativen Aspekte in solchen Studien bei manchen ein gewisser Verdruss entsteht. Das Elektroauto hat aber definitiv eine gute Zukunft vor sich. Und es ist richtig, dass sich in den nächsten Jahren die Antriebsstränge ausdifferenzieren werden. Mir ist nicht bekannt, dass für 2020 schon jemand die Vollelektrifizierung gefordert hätte. Von daher sind Enttäuschungen zum Teil herbeifantasiert – wieso enttäuscht über etwas sein, was ich gar nicht erwartet habe?
Für mich bleibt es aber in vielen Aspekten eine hoffnungsvolle Studie für die Elektromobilität und wir beim „Schweizer Forum Elektromobilität“ werden das unsrige dazu tun, diese Hoffnung deutlich nach aussen zu tragen sowie dort, wo es noch Probleme und Defizite gibt, diese beherzt anzugehen. Auch davon werden schliesslich Wirkungen ausgehen.

Das Interview führte Julia Zosso von der Mobilitätsakademie.

Dr. Manfred Josef Pauli - Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Die TA-Studie finden Sie hier (nur auf Deutsch erhältlich).